1895 - 1975 - - 80 Jahre Imkerverein Tempelhof!

Wenn ich über 8 Jahrzehnte Tempelhofer Imkergeschichte berichten soll, dann muß ich mich für eine lange Periode aus dieser Zeit auf mündliche Überlieferungen verlassen; denn der letzte Weltkrieg hat auch hier unter den Analen den Vereine gründlichst aufgeräumt.

Gottlob standen nach dem Kriege noch einige Senioren des Vereins zur Berichterstattung zur Verfügung und so erführen folgendes:

In Tempelhof, - in der Gegend der heutigen Ringbahnstr. - Borussiastr. besaß der Gärtner Karl Kokulinski sein Gelände - etwa 16 Morgen groß - und betrieb darauf sein Gewerbe - nämlich eine Gärtnerei und Baumschule.

Nebenbei war er ein begeisterter Imker und unterhielt dort einen Bienenstand von 30 Völkern. Er war so begeistert von der Bienenzucht und von ihrem Wert für die Volkswirtschaft überzeugt, daß er zur Hebung und Förderung der Bienenzucht an wirkliche Interessenten, an Nachbarn und Laubenbesitzer häufig Bienenschwärme und Bienenvölker verschenkte.

Im Jahre 1895 faßte er einen kleinen Kreis von Bienenliebhabern zusammen, und sie gründeten den Imkerverein Tempelhof!

Bei dieser Gründung sollen zunächst 4 Imker Pate gestanden haben, aber alsbald erweiterte sich der Kreis der Interessenten, von denen noch viele Namen bekannt sind.

Das o.a. Datum der Vereinsgründung basiert auf die Angaben der Ehren-Urkunde, die dem 1.Vorsitzenden des Vereins Herrn Karl Kokulinski anläßlich seines Ausscheidens aus dem Vorstand im Jahre 1921 - also nach 26. jähriger Vereinstätigkeit verliehen wurde.

Das 25. jährige Stiftungsfest hat der Verein noch unter Führung seines 1. Vorsitzenden im Jahre 1921 im Waldrestaurant in Lichtenrade gefeiert.

Etwa im Jahre 1925 kam es zur ersten Ablegerbildung innerhalb des Vereins, indem sich der Imkerverein Neukölln bildete, und einen Teil der Mitglieder übernahm.

Die zweite Teilung erfolgte etwa im Jahre 1941 durch die Gründung des Imkervereins Lichtenrade.

In beiden Fällen hat die Teilung dem Mutterverein Tempelhof nicht geschadet, und wir freuen uns, daß auch heute noch diese Vereine voller Leben und aktiv für die Imkerei tätig sind.

Das 5O. jährige Stiftungsfest fiel in das Jahr 1945 Infolge der Notzeit verzichtete man auf eine Feier und vertröstete auf 10 Jahre später.

1955 ist dann die 60 - Jahr Feier ganz groß im Restaurant "Zum Kurfürst" in Alt-Tempelhof unter der bewährten Leitung unseres jetzigen Ehrenvorsitzenden Herrn Wilhelm Mühmelt abgelaufen. Zu dieser Zeit zählte der Verein 92 Mitglieder.

Auch das 75. Jubiläum wurde in größerem Rahmen am 11.4.70 im Restaurant Lindenhof gefeiert.

In diesem Jahre sind nun 85 Jahre seit der Gründung vergangen. Wir haben z.Z. einen Mitgliederbestand von 63 Imkern mit 631 Völkern. Die Treue und Beständigkeit der Mitglieder weist sich aus durch die Tatsache, daß von diesen Mitgliedern

tragen, und daß der Verein bisher nur 7 Vorsitzende aufzuweisen hat. Darunter war in den Jahren 1920-1934 mein Vater tätig und seit 1967 führe ich den Verein.

Bei einem Rückblick auf 8O Jahre Imkerei in Tempelhof ist es verständlich, daß auch die Frage gestellt wird:

Warum auch heute noch Imkerei — und das in der Großstadt?

Ich sage unseren Imkerkollegen nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, daß durch die Bienenzucht die Freizeit sinnvoll und lohnend gestaltet werden kann!

Unsere Stadt—Imker sind ja fast ausschließlich Hobby—Imker, und es gibt eine große Zahl, die auch die Bienenzucht nicht aufgeben, wenn sie nichts einbringen würde. Sie sind durch ihre Liebhaberei so eng mit der Natur und ihren Wundern in Verbindung getreten, sie haben so viele inhaltsreiche Stunden auf ihrem Bienenstand bei der Beschäftigung mit ihren Lieblingen zubringen dürfen, und bei ihnen mancherlei Sorgen und Ärgernisse des Alltags vergessen können, daß sie das Alles nicht mehr missen mögen. Es handelt sich ja nicht allein um die Kenntnisse des Bienenvolkes, seiner Entwicklung, seiner Arbeitsteilung und seiner Vererbung, sondern auch um gewisse Kenntnisse in der Botanik, besonders in Bezug auf Blütezeit, Trachtwert usw. Und den Erfolg der Arbeit, - den süßen Lohn des eigenen Honigs nimmt jeder gern entgegen!

Darum sei herausgestellt:

Der Zweck und der Aufgabenkreis eines jeden Imkervereins sei:

  1. die Zusammenfassung aller fachlich Interessierten
  2. vielfältiger Versicherungsschutz durch Zusammenschluß
  3. Schulung der Imker in der Pflege der Bienen allgemein in der Zucht einer bodenständigen, ertragreichen und sanftmütigen Biene und in der Pflege ihrer Erzeugnisse nämlich Honig und Wachs.

Wir hoffen und wünschen, daß wir auch im weiteren Jahrzehnt noch viele Interessenten aufnehmen und in diesem Sinne schulen können!


von Herrn Erich Nageler